Indien 2020

MITTENDRIN in Indien
*Zu Besuch in Indien

Indien – ein Land, das für seine bunten, fröhlichen und gesangsreichen Bollywood-Filme, aber auch für scharfes und würziges Essen und natürlich seine CallCenter bekannt ist. Ein Schwellenland, in dem 1,4 Milliarden Menschen leben, davon mehr als 150.000 Millionäre und der reichste Inder in seiner Villa mit 27 Stockwerken über 600 Menschen beschäftigt. In Bangalore, im Süden des Landes, befindet sich das „asiatische Silicon Valley“, in dem sich zahlreiche namenhafte IT-Firmen angesiedelt haben, wodurch sich die Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten vervielfacht hat – mit positiven Auswirkungen auf die Senkung der Analphabetisierungsrate und dem Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens. Man hört zahlreiche Lobeshymnen im Land über die Auswirkungen der High-Tech-Industrie und des Wirtschaftswachstumes, aber dennoch gelten in diesem Land 800 Millionen Menschen als arm. Und gerade in Städten wie Bangalore wird einem diese Schneide deutlich vor Augen geführt. Armut und Reichtum liegen buchstäblich nebeneinander. Während in einem Haus der Millionär zu Feier lädt, lebt sein Nachbar unter einer blauen Zeltplane und Pappkartons (auf dem Land gibt es noch die Kuhfladenhäuser) und wärmt sich die Hände am Feuer aus Plastik - und sonstigem Müll. Religiöse Gründe bewirken eine Haltung, die dies wohl als „Schicksal“ abtut und das zwar bereits vor über 70 Jahren offiziell abgeschaffte, aber dennoch nach Jahrhunderten gepflegter Tradition noch immer in den Köpfen existente Kastensystem erhält eine gewisse Ordnung und soziale Stabilität. In einem Land, in dem der „Slumdog Millionär“ filmisch sehr eindrucksvoll darstellte, wie wenig Wert ein indisches Menschenleben hat, versucht der Adichunchanagiri Trust, eine Gemeinschaft, die sich mit sozialen, medizinischen und wohltätigen Zwecken in enger Verbundenheit mit (hinduistischer) Spiritualität beschäftigt, dieser sozialen Misslage entgegenzutreten.

Seit Jahren versucht der MITTENDRIN leben e.V. dem Trust durch das Sammeln von Spenden oder mit finanzieller Unterstützung des Entwicklungshilfeministeriums zu helfen - vor allem eine Blindenschule mit 250 blinden und sehbehinderten Schülern wurde in den letzten Jahren durch die Anschaffung einer Wasseraufbereitungsanlage, mit Musikinstrumenten oder einer neuen Kücheneinrichtung (der MITTWISSER berichtete) unterstützt. Auch in diesem Jahr hieß es, sich davon zu überzeugen, dass die Spenden auch an Ort und Stelle genutzt werden und neue Projekte in Angriff zu nehmen. Es wurde besprochen, Sitzmöglichkeiten aus Tisch und Stuhl in Form von Stahlbänken für die Multifunktionshalle (Essensraum und Aula) anzuschaffen, da bislang die Kinder in langen Reihen auf dem Fußboden sitzen und essen müssen. Neben den praktischen und nachhaltigen Spenden gab es nach der Begleitung einzelner Schulstunden auch die Gestaltung der nachmittaglichen Freizeit – mit Spielen, aber auch kleinen Geschenke für die Kinder, die oft genug nur die Sachen am Laib ihr Eigentum nennen können. Kleine Spielzeugautos und auch schon ein paar Luftballons haben den Kindern für einige Stunden auf spielerische Art die Welt gezeigt, welches im indischen Schulalltag viel zu kurz kommt.
Im Rahmen der Unterstützung der Blindenschule erhielt der MITTENDRIN leben e.V. viele Sachspenden, für die wir uns an dieser Stelle herzlich bedanken wollen. Wir haben Brillen gesammelt, aber auch Lupen und andere Sehhilfen erhalten, die wir vor Ort übergeben haben. Auch erhielten wir Gehhilfen und Rollstühle, welche wir bei einem weiteren Projekt des Trusts, einem Alten- und Behindertenheim, übergeben haben. In einem Wohnhaus mitten im Nirgendwo bei einem kleinen Dorf leben 50 Menschen auf wenige Räume verteilt – einem Gemeinschaftsraum und zwei Schlafsäle für die Damen und Herren. Zu erwähnen wäre noch das Gemeinschaftsbad mit nur einer Dusche! Daher wurden die Gehilfen auch gleich ausprobiert und gegen den Holzast getauscht.
Die Arbeit des MITTENDRIN leben e.V. in Indien beinhaltete aber nicht nur die Verteilung von Sachspenden – auch gilt es, über westeuropäische Standards in der schulischen Ausbildung zu berichten und über die bei uns übliche Versorgung von Menschen mit Behinderung und aufzuzeigen, dass nicht nur Bildungsaspekte vermittelt, sondern auch soziale und emotionale Kompetenzen aufgebaut werden. Hierfür wurden Vorträge und Filme über die alltägliche Arbeit in Schulen und Organisationen der Behindertenhilfe vorbereitet und vor einem Auditorium einer medizinischen Hochschule vorgetragen, deren Studenten im nahegelegenen Krankenhaus direkt Erfahrungen sammeln können – beide finanziert durch den Trust. Dieser organisierte mit Hilfe des Rotaplast International und dem Rotary Club Bangalore einen zweiwöchigen Aufenthalt von 20 Ärzten und Helfern aus den USA, die Kindern mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte eine kostenlose Behandlung und Operation anboten, welche die Delegation des MITTENDRIN leben e.V. im Rahmen der sozialen Komponente begleitete. Auch Kinder und junge Erwachsene mit schweren Verbrennungen konnten hier Hilfe erhalten. Einige reisten über 1000 km weit an, um an der Behandlung teilnehmen zu können. Die Bedingungen, unter denen die Behandelten und ihre Familien im Krankenhaus untergekommen sind, sind nicht im Ansatz mit der Gesundheitsversorgung in Deutschland vergleichbar. Die Kinder waren in großen Sälen mit 20-30 Betten untergebracht. Die Kopfkissen und Decken waren teils mitgebracht, da es im Krankenhaus nicht genug gab. Viele Kinder hatten keine Materialien zur Beschäftigung bei, so dass ein Basketball schon eine langanhaltende Beschäftigung aller brachte. Trotz der vielen schlimmen Verletzungen oder Fehlbildungen, die nun behandelt wurden und langwidrige Operationen nach sich zogen, gab es viele positive Energien in den Krankensälen und viele Kinder zeigten ihr oft neues Lächeln am Ende des Aufenthalts.

Mit Worten kann man kaum beschreiben, unter welchen Umständen die Menschen im Indien im Allgemeinen, aber auch in den verschiedenen Einrichtungen leben – daher werden Sie bald auf unserem YouTube-Kanal auch bildliche Impressionen des Aufenthaltes erhalten. Sie wollen auch helfen? Gern nehmen wir Ihre Sachspenden wie Lupenbrillen in unserer Geschäftsstelle entgegen. Vereinsangehörige des MITTENDRIN leben e.V. können gern auch praktisch helfen: In Planung ist ein weiterer Aufenthalt in 2021. Sie wollen einen Vortrag auf Ihrem Fachgebiet halten? Sie können spielerischen Schulunterricht für sehbehinderte Schüler anbieten? Oder haben andere Ideen? Dann senden Sie uns Ihre Bewerbung mit Ihren ersten Vorstellungen an indienhilfe@ev-mittendrin.de. Wir sind über jede Hilfe dankbar.

Ulrike Gobes