Prokrastination

Prokrastination

„Morgen ist auch noch ein Tag“ – Fast jeder kennt es von sich selbst: unangenehme Aufgaben, wie das Lernen für Prüfungen, die Vorbereitung auf einen Vortrag, die Erledigung der Steuererklärung oder behördliche Angelegenheiten, verschiebt man gerne auf einen späteren Zeitpunkt. Nimmt das Aufschieben unliebsamer, aber notwendiger Arbeiten jedoch derartige Ausmaße an, dass die Betroffenen Leidensdruck empfinden und mit schwerwiegenden negativen Konsequenzen leben müssen, kann eine ernst zu nehmende Arbeitsstörung vorliegen.

Man spricht in diesem Zusammenhang von Prokrastination – eine Zusammensetzung der lateinischen Begriffe „pro“ (= für) und „cras“ (=morgen). Die Rede ist von einem chronischen Aufschiebeverhalten, welches von Außenstehenden oft als Faulheit oder persönliche Willensschwäche fehlinterpretiert wird. Krankhaftes Aufschieben muss aber klar von alltäglicher Bummelei, dem Vertagen von Erledigungen aufgrund einer anderen nötigen Prioritätensetzung sowie einem erfolgreichen Arbeiten kurz vor Ablauf einer Frist, die weder zu Leistungseinbußen noch zu Leidensdruck führt, abgegrenzt werden. Bei der Prokrastination geraten die Betroffenen oft in einen Teufelskreis aus Selbstzweifel, Druck und Versagensängsten. Die psychischen Leiden werden oft von körperlichen Beschwerden, wie Muskelverspannungen, Herz-Kreislaufproblemen, Magen- und Verdauungsproblemen sowie Schlafstörungen begleitet. Neben Beeinträchtigungen des Wohlbefindens, kann es zu verheerenden schulischen oder beruflichen Folgen, wie dem Abbruch der Ausbildung, des Studiums oder dem Verlust des Arbeitsplatzes, kommen. Grund dafür ist, dass wichtige Aufgaben trotz vorhandener Gelegenheiten und Fähigkeiten entweder gar nicht oder erst sehr spät erledigt werden, was oft zu Versäumnissen von Fristen führt. Typischerweise werden andere Tätigkeiten, wie etwa das Reinigen der Wohnung, vorgezogen, da diese entweder als angenehmer empfunden werden oder durch ihr unmittelbar sichtbares Ergebnis verstärkend wirken. Die Betroffenen sind sich in der Regel der negativen Folgen ihres Nichthandelns bewusst, sehen sich aber nicht in der Lage, das Problem zu lösen oder die entsprechenden Arbeiten zu erledigen.

Prokrastination tritt insbesondere dann auf, wenn die Bedingungen zur Erreichung eines Ziel nicht eindeutig sind, wenn eine Aufgabe als besonders groß oder unangenehm wahrgenommen wird. Das Aufschieben einer unliebsamen Aufgabe führt kurzfristig zu einer Reduktion negativer Gefühle und Spannungen und wirkt somit verstärkend. Langfristig bringt dieses Verhalten jedoch einen Leistungsrückstand, Selbstabwertung, Stress sowie ein schlechtes Gewissen mit sich. Verschiedene Faktoren, wie mangelnde Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit, Angst vor Versagen oder Kritik, Probleme in der Prioritätensetzung, mangelnde oder unrealistische Planung, Defizite im Zeitmanagement oder Abneigung gegen Aufgaben, können ein permanentes Aufschiebeverhalten begünstigen. Oft verstärken sich die Faktoren  wechselseitig. Die Störung kann jeden treffen – ob Arbeitnehmer, Beamte, Führungskräfte, Schüler oder Studenten. In einer an der Universität Münster durchgeführten Untersuchung, wiesen 7 % der Studierenden erhöhte Prokrastinationswerte im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung auf. Dies spiegelt die weite Verbreitung des Phänomens wider. Fühlen sich Betroffene in ihrem Alltag derart beeinträchtigt, dass sie nicht mehr in der Lage sind, sich selbstständig zu organisieren, ist eine Vorstellung beim Arzt empfehlenswert. Im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie, erlernen sie, wie sie realistische Ziele setzen, ihre Arbeitsgewohnheiten durch Alternativen ersetzen und mit Ablenkungsquellen sowie negativen Gefühlen umgehen.

Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit kann außerdem Überforderungssituationen vorbeugen und somit dazu beitragen, dass Betroffene gar nicht erst in einen Kreislauf von Versagensängsten und Prokrastination geraten.